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Ein Marinefliegermuseum in Deutschland? So oder aehnlich lautet die erstaunte Antwort vieler Luftfahrtenthusiasten auf die Frage, ob sie ein
Museum mit Schwerpunkt Marinefliegerei kennen. Tatsaechlich gibt es dieses Museum, wenn auch in einer der entlegensten Ecken der
Bundesrepublik. Der Bekanntheitsgrad dieses Museum ist leider nicht sehr hoch - voellig zu unrecht, wie wir meinen. Das AERONAUTICUM in Nordholz
ist mit Sicherheit eines der interessantesten Flugzeugmuseen in der BRD. Der Schwerpunkt liegt wie schon erwaehnt zum einen auf der
Marinefliegerei, zum anderen aber auf der Geschichte und Entwicklung der Luftschifffahrt. Die Anzahl der ausgestellten Exponate ist verglichen mit
anderen Deutschen Luftfahrtmuseen eher bescheiden, trotzdem ist der Besuch dieses Museums auch eine weite Anreise wert. Zu finden ist das AERONAUTICUM, so der offizielle
Name, rechts neben dem Eingang zum Marinefliegergeschwader 3 “Graf Zeppelin” in Nordholz, noerdlich von Bremen.
Schon vor dem Betreten des Hauptgebaeudes geht man an einer lebensgrossen Statue des Grafen Zeppelin vorbei. In der Austellungshalle
hat man sofort das Gefuehl sich in einem Luftschiff zu befinden. Ein auf Originalgroesse gebrachtes Foto der vorderen Zellstruktur eines
Luftschiffes verstaerkt diesen Eindruck. Eine grosse Anzahl an historischen Fotos, original nachgebaute Gondeln sowie wunderschoen in Szene
gesetzte Modelle geben dem Besucher einen interessanten Ueberblick ueber die Entwicklung aber auch den Einsatz der Luftschiffe zu Beginn des
letzten Jahrhunderts. Ein besonderes Highlight ist der ausgestellte Schiffsdiesel MB 511. Dieser Schnellbootmotor basierte auf dem Daimler
Benz DB 602, einem 12-Zylinder Reihenmotor der unter anderem auch den Zeppelin LZ 129 Hindenburg antrieb.
Das 36.000 m² grosse Freigelaende beherbergt so ziemlich alle Flugzeuge, die bis dato bei der Bundesmarine im Einsatz waren, inklusiver zweier
Panavia Tornado. Das Ausstellungsareal ist in Anlehnung an eine typisch Norddeutschen Heidelandschaft aufgebaut, sodass man gemuetlich entlang
eines Gehweges die ausgestellten Maschinen erreicht und am Ende des Rundganges wieder am Hauptgebaeude ankommt. Leider befindet sich im
AERONAUTICUM keine komplette Maschine aus der Zeit vor 1945. Lediglich ein Schwimmer einer Heinkel He-115 erinnert daran, dass es zwischen den
Luftschiffen und den Marinejets àla Sea Hawk, Tornado & Co auch noch jede Menge Flugzeuge und Flugboote gab. Dies ist, wenn man so moechte,
auch das einzige Manko des Museums. Wie toll waere es, wenn man dort eine Do-24 oder wenigstens eine Arado 196 besichtigen kann. Aber leider sind gerade Deutsche
Marineflugzeuge aus der Zeit des II. Weltkrieges sehr selten. Vielleicht findet ja doch mal eines dieser seltenen Exponate seinen Weg nach Nordholz.
Auf dem Sektor der Bundesmarine kann das AERONAUTICUM aber voll punkten. Am Beginn unseres Rundganges steht ein Muster eines der
seltsamsten (und wahrscheinlich haesslichsten) Flugzeuge, die je im Dienst der Deutschen Marine standen. Gemeint ist die Fairey GANNET AS.Mk 4.
Dieses Britische U-Jagdflugzeug hatte ihren Erstflug am 19. September 1949 und gehoerte zur Erstausstattung der noch jungen Bundesmarine.
Von 1958 bis zum Jahr 1966 setzte die Bundesmarine die 15 GANNET AS.Mk. 4 (zu Deutsch: Basstoelpel) sowie ein T.Mk 5 (Trainerversion) als U-Jaeger
und Aufklaerer ein. Die erste Einheit, die die GANNET flog, war die U-Jagdstaffel des Marinefliegergeschwader 2, welches ihre Einsaetze von Sylt aus flogen. Im Jahr 1964 wurden die GANNET`s dann dem
neuaufgestellten MFG 3 in Nordholz uebergeben. Angetrieben wurde die GANNET von einer 3145 WPS starken Armstrong Siddeley Double Mamba Propellerturbine welche ihr eine Hoechstgeschwindigkeit von ca.
480 km/h verlieh.
Ebenfalls zur Erstausstattung der Bundesmarine gehoerte die Hawker SEA HAWK Mk.100/101. Insegsamt beschaffte die Bundesmarine 64 Maschinen
dieses Typs (32 Mk.100 sowie 32 Mk.101 - die Version Mk.101 verfuegte zusaetzlich ueber ein Suchradar in einem Unterfluegelbehaelter). Die SEA
HAWK war der erste von der Firma Hawker gebaute Jet und gilt als technischer Vorlaeufer fuer die ueberaus erfolgreiche HUNTER (allerdings
hatte die SEA HAWK im Vergleich zur HUNTER keine gepfeilten Tragflaechen und war mit ihrer Rolls Royce Nene Radialturbine und einem Schub von
2360 kp nicht gerade uebermotorisiert.) Trotzdem waren einige Betreiber mit dieser Maschine sehr zufrieden. So wurden die Indischen SEA HAWK
erst im Jahr 1983 ausgemustert. Die Bundesmarine stellte ihre SEA HAWK aber bereits ab 1965 ausser Dienst. Die intakten Maschinen wurden daraufhin nach Indien verkauft, was
Jahre spaeter fuer einen handfesten Skandal sorgte, da die indischen SEA HAWK im Indo-Pakistanischen Krieg von 1971 eingesetzt wurden und somit der Deal gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstiess.
Abgeloest wurde die SEA HAWK von dem Lockheed F-104G STARFIGHTER.
Kaum ein Flugzeug war in seiner Karriere umstrittener wie der STARFIGHTER. Wir wollen hier aber nicht wieder die leidige Starfighter-story aufrollen.
Von den insgesamt 916 fuer die Bundeswehr beschafften Maschinen flogen 132 in den Marinefliegergeschwadern 1 und 2. Alle drei Unterversionen
wurden dort verwendet (F-104G als Abfangjaeger, RF-104G als Taktischer Aufklaerer und TF-104G als Trainer). Der Einsatz ueber der rauhen Nordsee
aber auch ueber der Ostsee fordert besonders viel von den Piloten aber auch von den Maschinen. Schlechte Sichtverhaeltnisse, rauhe Wetterbedingungen und jede Menge Tiefflug zollten ihren Tribut. Ueber 40
Maschinen verloren die beiden Geschwader waehrend der Einsatzzeit des Starfighter. Diese Maschine verzieh keinerlei Fehler, hatte selbst dafuer aber ein ganze Menge davon
eingebaut. Trotzdem war die F-104 bei den Piloten sehr beliebt. Die Marine war auch von Anfang an nicht
sonderlich von der F-104 angetan. Dort haette man als Nachfolger fuer die SEA HAWK lieber ein weiteres
Produkt aus Britischer Produktion gesehen - die Blackburn Buccaneer. Erst mit der Einfuehrung des Panavia MRCA TORNADO erhielten die Marineflieger wieder ein Flugzeug, welches den Anspruechen der
Marinefliegerei weitaus besser entsprach, als die zugegebenermassen wunderschoene Maschine aus dem Hause Lockheed.
Obwohl der Panavia MRCA TORNADO nach wie vor im Einsatz ist (zumindest
bei der Luftwaffe), stehen gleich zwei Maschinen dieses Typs im AERONAUTICUM. Beide sind ex-MFG 2 TORNADO`s. Die sonderlackierte weiss-gelb-rote Maschine ist ein alter Bekannter. Diese aussergewohnliche
Lackierung wurde von Fregattenkapitaen Christoph “Jeanne” Jehn entworfen, der die Maschine auch als Displaypilot bis zur Aufloesung des
MFG 2 im Jahre 2005 flog. So schoen es ist, so eine Maschine in einem Museum fuer die Zukunft aufbewahrt zu wissen, so schade ist es auch, sie
nie wieder im Flug sehen zu koennen. Mit der Aufloesung des MFG 2 hat sich die Marine auch von ihrem schlagkraeftigsten Waffensystem
verabschiedet. Die Aufgaben des MFG wurden fortan von der Luftwaffe, und hier in erster Linie vom AG 51 “I” aus Jagel wahrgenommen.
Die groesste Maschine im Bestand des Museums ist die Breguet BR1150 ATLANTIC. Von den insgesamt 20 beschafften Maschinen (plus eines
Prototypen mit der Kennung 60 + 00) dienten 4 als SIGINT - Flugzeuge (Signal Intellegence) sowie 16 als MPA (Maritime Patrol Aircraft. Lediglich 3
SIGINT-Maschinen sind noch im Dienst des MFG 2, die verbliebenen MPA`s (eine Maschine ging durch Flugunfall verloren) wurden entweder verschrottet oder an verschiedene Museen in Deutschland und den
Niederlanden abgegeben. Die ATLANTIC ersetzte ab 1963 die Fairey GANNET als Seeaufklaerer und in der U-Jagd. Da die ATLANTIC Anfang des neuen Jahrhunderts de facto abgeflogen waren und sich in der
Zwischenzeit durch die erweiterten Aufgaben der Bundeswehr innerhalb der NATO ein gestiegener Bedarf fuer ein Seeraumueberwachungsflugzeug ergab, beschaffte man
kurzerhand grundueberholte ex-Niederlaendische Lockheed P-3 Orion als Ersatz fuer die betagten BR 1150.
Neben den zahlreichen Maschinen der Bundeswehr steht auch noch eine
Sukhoi Su-22 M4 (NATO Code: FITTER K) des ehemaligen Jagdbombergeschwaders 77 “Gebhard Leberecht v. Bluecher” der Luftstreitkraefte der NVA. Diese Maschine wurde auch von dem einzigen
reinen Marineverband der NVA, dem MFG 28 “Paul Wieczorek” geflogen, die sich gemeinsam mit dem JBG 77 den Standort Laage bei Rostock teilte. Die
Su-22M4 ist eine aeusserst robuste Maschine, welch in der Lage ist, eine grosse Anzahl an Waffen im Tiefflug ins Ziel zu bringen. Angetrieben wird
der Jagdbomber von einer einzelnen Ljulka AL-31F-3 Turbine mit einer Schubkraft von ca 110,0 kN. Beide mit Su-22 ausgestatteten Geschwader
der NVA verfuegten ueber 24 Einsitzer und jeweils 4 Doppelsitzer (SU-22 UM3K). Ebenfalls aus dem Bestand der NVA Luftstreitkraefte stammen zwei Mil Mi-8 (NATO- Code: HIP)
Helikopter, wobei eine dieser Maschinen als VIP-Version ausgeruestet war.
Natuerlich koennen wir hier an dieser Stelle nicht alle Maschinen des AERONAUTICUM behandeln. Deshalb moechten wir im Anhang eine Liste der ausgestellten Flugeraete zeigen. Da dieses noch recht junge Museum
(Eroeffnung 1991, Umzug an den jetzigen Platz 1997) staendig erweitert wird, erhebt diese Liste keinen
Anspruch auf Vollstaendigkeit, da wir aber so oder so vor haben, dort wieder vorbeizuschauen, werden wir
zu gegebener Zeit diesen Bericht aktualisieren). Sollten Sie in der Zwischenzeit dieses attraktive Museum
besucht haben und dabei die eine oder andere Neuigkeit entdecken koennen, so senden Sie uns einfach eine Mail - wir wuerden uns freuen.
Robert Kysela / CHK 6
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