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RK0810AERO291_SeaHawkEin Marinefliegermuseum in Deutschland? So oder aehnlich lautet die erstaunte Antwort vieler Luftfahrtenthusiasten auf die Frage, ob sie ein Museum mit Schwerpunkt Marinefliegerei kennen.  Tatsaechlich gibt es dieses Museum, wenn auch in einer der entlegensten Ecken der Bundesrepublik. Der Bekanntheitsgrad dieses Museum ist leider nicht sehr hoch -  voellig zu unrecht, wie wir meinen. Das AERONAUTICUM in Nordholz ist mit Sicherheit eines der interessantesten Flugzeugmuseen in der BRD. Der Schwerpunkt liegt wie schon erwaehnt zum einen auf der Marinefliegerei, zum anderen aber auf der Geschichte und Entwicklung der Luftschifffahrt. Die Anzahl der ausgestellten Exponate ist verglichen mit anderen Deutschen Luftfahrtmuseen eher bescheiden, trotzdem ist der Besuch dieses Museums auch eine weite Anreise wert. Zu finden ist das AERONAUTICUM, so der offizielle Name, rechts neben dem Eingang zum Marinefliegergeschwader 3 “Graf Zeppelin” in Nordholz, noerdlich von Bremen.

RK0810AERO279_ZeppelinausstellungSchon vor dem Betreten des Hauptgebaeudes geht man an einer lebensgrossen Statue des Grafen Zeppelin vorbei. In der Austellungshalle hat man sofort das Gefuehl sich in einem Luftschiff zu befinden. Ein auf Originalgroesse gebrachtes Foto der vorderen Zellstruktur eines Luftschiffes verstaerkt diesen Eindruck. Eine grosse Anzahl an historischen Fotos, original nachgebaute Gondeln sowie wunderschoen in Szene gesetzte Modelle geben dem Besucher einen interessanten Ueberblick ueber die Entwicklung aber auch den Einsatz der Luftschiffe zu Beginn des letzten Jahrhunderts.  Ein besonderes Highlight ist der ausgestellte Schiffsdiesel MB 511. Dieser Schnellbootmotor basierte auf dem Daimler Benz DB 602, einem 12-Zylinder Reihenmotor der unter anderem auch den Zeppelin LZ 129 Hindenburg antrieb.

RK0810AERO008_He115SchwimmerDas 36.000 m² grosse Freigelaende beherbergt so ziemlich alle Flugzeuge, die bis dato bei der Bundesmarine im Einsatz waren, inklusiver zweier Panavia Tornado. Das Ausstellungsareal ist in Anlehnung an eine typisch Norddeutschen Heidelandschaft aufgebaut, sodass man gemuetlich entlang eines Gehweges die ausgestellten Maschinen erreicht und am Ende des Rundganges wieder am Hauptgebaeude ankommt. Leider befindet sich im AERONAUTICUM keine komplette Maschine aus der Zeit vor 1945. Lediglich ein Schwimmer einer Heinkel He-115 erinnert daran, dass es zwischen den Luftschiffen und den Marinejets àla Sea Hawk, Tornado & Co auch noch jede Menge Flugzeuge und Flugboote gab. Dies ist, wenn man so moechte, auch das einzige Manko des Museums. Wie toll waere es, wenn man dort eine Do-24 oder wenigstens eine Arado 196 besichtigen kann. Aber leider sind gerade Deutsche Marineflugzeuge aus der Zeit des II. Weltkrieges sehr selten. Vielleicht findet ja doch mal eines dieser seltenen Exponate seinen Weg nach Nordholz.

RK0810AERO465_GannetAuf dem Sektor der Bundesmarine kann das AERONAUTICUM aber voll punkten. Am Beginn unseres Rundganges steht ein Muster eines der seltsamsten (und wahrscheinlich haesslichsten) Flugzeuge, die je im Dienst der Deutschen Marine standen. Gemeint ist die Fairey GANNET AS.Mk 4. Dieses Britische U-Jagdflugzeug hatte ihren Erstflug am 19. September 1949 und gehoerte zur Erstausstattung der noch jungen Bundesmarine. Von 1958 bis zum Jahr 1966 setzte die Bundesmarine die 15 GANNET AS.Mk. 4 (zu Deutsch: Basstoelpel) sowie ein T.Mk 5 (Trainerversion) als U-Jaeger und Aufklaerer ein. Die erste Einheit, die die GANNET flog, war die U-Jagdstaffel des Marinefliegergeschwader 2, welches ihre Einsaetze von Sylt aus flogen. Im Jahr 1964 wurden die GANNET`s dann dem neuaufgestellten MFG 3 in Nordholz uebergeben. Angetrieben wurde die GANNET von einer 3145 WPS starken Armstrong Siddeley Double Mamba Propellerturbine welche ihr eine Hoechstgeschwindigkeit von ca. 480 km/h verlieh.

RK0810AERO436_SeaHawkEbenfalls zur Erstausstattung der Bundesmarine gehoerte die Hawker SEA HAWK Mk.100/101. Insegsamt beschaffte die Bundesmarine 64 Maschinen dieses Typs (32 Mk.100 sowie 32 Mk.101 - die Version Mk.101 verfuegte zusaetzlich ueber ein Suchradar in einem Unterfluegelbehaelter). Die SEA HAWK war der erste von der Firma Hawker gebaute Jet und gilt als technischer Vorlaeufer fuer die ueberaus erfolgreiche HUNTER (allerdings hatte die SEA HAWK im Vergleich zur HUNTER keine gepfeilten Tragflaechen und war mit ihrer Rolls Royce Nene Radialturbine und einem Schub von 2360 kp nicht gerade uebermotorisiert.) Trotzdem waren einige Betreiber mit dieser Maschine sehr zufrieden. So wurden die Indischen SEA HAWK erst im Jahr 1983 ausgemustert. Die Bundesmarine stellte ihre SEA HAWK aber bereits ab 1965 ausser Dienst. Die intakten Maschinen wurden daraufhin nach Indien verkauft, was Jahre spaeter fuer einen handfesten Skandal sorgte, da die indischen SEA HAWK im Indo-Pakistanischen Krieg von 1971 eingesetzt wurden und somit der Deal gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstiess.

RK0810AERO141_F104Abgeloest wurde die SEA HAWK von dem Lockheed F-104G STARFIGHTER. Kaum ein Flugzeug war in seiner Karriere umstrittener wie der STARFIGHTER. Wir wollen hier aber nicht wieder die leidige Starfighter-story aufrollen. Von den insgesamt 916 fuer die Bundeswehr beschafften Maschinen flogen 132 in den Marinefliegergeschwadern 1 und 2. Alle drei Unterversionen wurden dort verwendet (F-104G als Abfangjaeger, RF-104G als Taktischer Aufklaerer und TF-104G als Trainer). Der Einsatz ueber der rauhen Nordsee aber auch ueber der Ostsee fordert besonders viel von den Piloten aber auch von den Maschinen. Schlechte Sichtverhaeltnisse, rauhe Wetterbedingungen und jede Menge Tiefflug zollten ihren Tribut. Ueber 40 Maschinen verloren die beiden Geschwader waehrend der Einsatzzeit des Starfighter. Diese Maschine verzieh keinerlei Fehler, hatte selbst dafuer aber ein ganze Menge davon eingebaut. Trotzdem war die F-104 bei den Piloten sehr beliebt. Die Marine war auch von Anfang an nicht sonderlich von der F-104 angetan. Dort haette man als Nachfolger fuer die SEA HAWK lieber ein weiteres Produkt aus Britischer Produktion gesehen - die Blackburn Buccaneer. Erst mit der Einfuehrung des Panavia MRCA TORNADO erhielten die Marineflieger wieder ein Flugzeug, welches den Anspruechen der Marinefliegerei weitaus besser entsprach, als die zugegebenermassen wunderschoene Maschine aus dem Hause Lockheed.

RK0810AERO036_IDSObwohl der Panavia MRCA TORNADO nach wie vor im Einsatz ist (zumindest bei der Luftwaffe), stehen gleich zwei Maschinen dieses Typs im AERONAUTICUM. Beide sind ex-MFG 2 TORNADO`s. Die sonderlackierte weiss-gelb-rote Maschine ist ein alter Bekannter. Diese aussergewohnliche Lackierung wurde von Fregattenkapitaen Christoph “Jeanne” Jehn entworfen, der die Maschine auch als Displaypilot bis zur Aufloesung des MFG 2 im Jahre 2005 flog. So schoen es ist, so eine Maschine in einem Museum fuer die Zukunft aufbewahrt zu wissen, so schade ist es auch, sie nie wieder im Flug sehen zu koennen. Mit der Aufloesung des MFG 2 hat sich die Marine auch von ihrem schlagkraeftigsten Waffensystem verabschiedet. Die Aufgaben des MFG wurden fortan von der Luftwaffe, und hier in erster Linie vom AG 51 “I” aus Jagel wahrgenommen.

RK0810AERO031_AtlanticDie groesste Maschine im Bestand des Museums ist die Breguet BR1150 ATLANTIC. Von den insgesamt 20 beschafften Maschinen (plus eines Prototypen mit der Kennung 60 + 00) dienten 4 als SIGINT - Flugzeuge (Signal Intellegence) sowie 16 als MPA (Maritime Patrol Aircraft. Lediglich 3 SIGINT-Maschinen sind noch im Dienst des MFG 2, die verbliebenen MPA`s (eine Maschine ging durch Flugunfall verloren) wurden entweder verschrottet oder an verschiedene Museen in Deutschland und den Niederlanden abgegeben. Die ATLANTIC ersetzte ab 1963 die Fairey GANNET als Seeaufklaerer und in der U-Jagd. Da die ATLANTIC Anfang des neuen Jahrhunderts de facto abgeflogen waren und sich in der Zwischenzeit durch die erweiterten Aufgaben der Bundeswehr innerhalb der NATO ein gestiegener Bedarf fuer ein Seeraumueberwachungsflugzeug ergab, beschaffte man kurzerhand grundueberholte ex-Niederlaendische Lockheed P-3 Orion als Ersatz fuer die betagten BR 1150.

RK0810AERO547_Su22Neben den zahlreichen Maschinen der Bundeswehr steht auch noch eine Sukhoi Su-22 M4 (NATO Code: FITTER K) des ehemaligen Jagdbombergeschwaders 77 “Gebhard Leberecht v. Bluecher” der Luftstreitkraefte der NVA. Diese Maschine wurde auch von dem einzigen reinen Marineverband der NVA, dem MFG 28 “Paul Wieczorek” geflogen, die sich gemeinsam mit dem JBG 77 den Standort Laage bei Rostock teilte. Die Su-22M4 ist eine aeusserst robuste Maschine, welch in der Lage ist, eine grosse Anzahl an Waffen im Tiefflug ins Ziel zu bringen. Angetrieben wird der Jagdbomber von einer einzelnen  Ljulka AL-31F-3 Turbine mit einer Schubkraft von ca 110,0 kN. Beide mit Su-22 ausgestatteten Geschwader der NVA verfuegten ueber 24 Einsitzer und jeweils 4 Doppelsitzer (SU-22 UM3K). Ebenfalls aus dem Bestand der NVA Luftstreitkraefte stammen zwei Mil Mi-8 (NATO- Code: HIP) Helikopter, wobei eine dieser Maschinen als VIP-Version ausgeruestet war.

Natuerlich koennen wir hier an dieser Stelle nicht alle Maschinen des AERONAUTICUM behandeln. Deshalb moechten wir im Anhang eine Liste der ausgestellten Flugeraete zeigen. Da dieses noch recht junge Museum (Eroeffnung 1991, Umzug an den jetzigen Platz 1997) staendig erweitert wird, erhebt diese Liste keinen Anspruch auf Vollstaendigkeit, da wir aber so oder so vor haben, dort wieder vorbeizuschauen, werden wir zu gegebener Zeit diesen Bericht aktualisieren). Sollten Sie in der Zwischenzeit dieses attraktive Museum besucht haben und dabei die eine oder andere Neuigkeit entdecken koennen, so senden Sie uns einfach eine Mail - wir wuerden uns freuen.

Robert Kysela / CHK 6

Weitere im AERONAUTICUM ausgestellte Exponate (Freigelaende; Stand Mai 2009):
Hunting-Percival P.66 PEMBROKE
Bristol SYCAMORE HR.52
Dornier Do-28 D2 SKYSERVANT
VFW 614
Fouga CM170 MAGISTER
Piaggio P-149D
Mil Mi-8T
Oeffnungszeiten:  taeglich von 10:00h - 18:00h (Dezember und Januar: 10:00h - 16:00h)
Kontakt: 04741 / 18190
Website: www.aeronauticum.de
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Team CHK 6
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Release 1.0/2012