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Am 20. Juni 2010 ging auf dem Fliegerhorst Nordholz /
Marinefliegergeschwader 3 “GRAF ZEPPELIN“ eine Aera zu Ende. Um exakt 14:00h ZULU (entspricht 16:00h MEZ) landete die letzte noch
einsatzfaehige Breguet Br 1150 M Atlantic und wurde danach feierlich ausser Dienst gestellt. Die Verabschiedung des zweimotorigen Seefernaufklaerers geschah im Rahmen eines Tages der Offenen Tuer (Air
Day 2010) und war daher auch der Oeffentlichkeit zugaenglich. Nach ueber 40 Jahren im Dienst der Bundesmarine ging das Waffensystem ATLANTIC
damit in den wohlverdienten Ruhestand. Die ATLANTIC stand nie wirklich im Rampenlicht der Oeffentlichkeit, was zum einen natuerlich daran lag, dass
ihr Einsatzgebiet stets ueber der See lag, zum anderen aber auch damit zu begruenden ist, dass sie aufgrund ihrer Zuverlaessigkeit so gut wie nie fuer negative Schlagzeilen sorgte.
Ein weiterer Grund spiegelt sich in dem Namen wieder, welche die ATLANTIK von der oertlichen Bevoelkerung
erhalten hatte – „Fluesternder Riese“. Grossangelegte Buergerinitiativen wegen Fluglaerm waren aufgrund
der verhaeltnismaessig leisen Maschine nicht zu erwarten. Trotzdem hat die Br 1150 fast 45 Jahre lang einen wertvollen Beitrag fuer die Sicherheit der Bundesrepublik geleistet.
Die Feierlichkeiten beinhalteten auch ein kleines, aber feines 2-stuendiges
Flugprogramm, welches am Nachmittag wiederholt wurde. Dabei zeigte das MFG 3 “GZ“ in eindrucksvoller Weise ihr Geraet. Neben der Br 1150 war
auch noch die in Nordholz stationierte Dornier Do-228 sowie der Westland Lynx Mk.88 Marinehelikopter zu sehen. Als besonderes Highlight war auch
der Nachfolger der ATLANTIC, die Lockheed P-3C ORION im Flugprogramm zu bewundern. Dies war besonders fuer die zahlreich angereisten Enthusiasten eine wahre Freude, sind doch diese Maschinen auf anderen
Veranstaltungen, wenn ueberhaupt, hoechstens in der Bodenausstellung zu bewundern. Ein Hoehepunkt war sicherlich der Absprung von
Kampfschwimmer der Marine mit dem Fallschirm aus einer Lockheed P-3C ORION (ja, sie haben richtig gelesen, der Fallschirmsprung erfolgte aus einer P-3C!!!), oder auch der
Formationsflug der ATLANTIC mit einer ORION sowie einer Dornier Do-28 SKYSERVANT der Reservistengemeinschaft aus Uetersen.
Von ziviler Seite war ein Formationsflug bestehend aus einer Dornier Do-27,
zweier Piaggio P.149 sowie einer Piper L-17 zu sehen, welche allesamt dem lokalen Fliegerklub angehoeren. Die Fa. EADS war mit einem Teil ihre Static
– Ausstellung praesent, als kleiner Leckerbissen wurde aber auch die knallrot bemalte Me-163 (nicht motorisierter, aber segel-flugfaehiger
Nachbau des beruehmten Raketenjaegers) von einer Do-27 auf Hoehe geschleppt, von wo sie nach dem Ausklinken kreisfoermig zu Boden glitt.
Ein grandioses Flugprogramm zeigte die North American OV-10B BRONCO des Musée Européen de l’Aviation de Chasse aus Montelimar. Die Luftwaffe
verfuegte ueber 18 Maschinen dieses leichten Kampfflugzeuges, welche aber ausschliesslich zur Zieldarstellung verwendet wurden (daher auch die
auffaellige Lackierung in Leucht-Orange). Die gezeigte Maschine ist in einem hervoragendem Zustand und ist
nicht nur aufgrund ihrer Seltenheit sondern auch wegen ihrer enormen Manoevrierfaehigkeit ein gern gesehener Gast auf Europaeischen Airshows.
Die Bodenausstellung beinhaltete neben den obligatorischen Einsatzmuster
der Luftwaffe (Panavia Tornado IDS, Eurofighter EF-2000, McDonnell Douglas F-4F PHANTOM II, etc.) auch noch ein paar richtige Rosinen, wie ein
Britisches Vickers VC-10 Tankflugzeug (wird auch demnaechst ausser Dienst gestellt), sowie einen Mil Mi-14 PL (NATO Code: HAZE) der Polnischen
Marine (Marynarka Wojenna Rzeczypospolitej Polskiej). Letzterer wurde aus dem bewaehrten Mi-8 (NATO Code: HIP) entwickelt und ist voll schwimmfaehig. Die ehem. Volksmarine der DDR flog 9 Maschinen dieses
Typs bis zur Wiedervereinigung in der U-Jagd Rolle. Aus den USA war eine Lockheed C-130 J HERCULES der 86th AW aus Rammstein zu Gast sowie
eine Lockheed P-3 ORION von der US Navy, welche allerdings ein wenig versteckt hinter einer weiteren P-3C der Norwegischen Marine plaziert wurde.
Zum Abschied der Deutschen ATLANTIC sandten auch die NATO-Partner
Frankreich und Italien jeweils eine Maschine dieses Typs, was einen interessanten Vergleich zuliess. Einzig die Franzoesische AERONAVALE fliegt
eine modernere Variante der Br 1150, genannt ATLANTIQUE II (das neue Muster wurde zum Unterschied zur alten Variante als ATLANTIQUE
bezeichnet – anstelle des -C als letzten Buchstaben verwendet man dabei die Endung -QUE ). Diese Maschine basiert auf der altbewaehrten Zelle,
verfuegt aber ueber eine moderne Avionik, ein state-of-the-art Naviationssystem, sowie modernste Datenaustausch- und Kommunikationssysteme. Weiters ist sie in der Lage, ein groesseres
Waffenspektrum (z.B.: ASM39 EXCOCET Lenkwaffen) mitzufuehren. Signifikanter (aeusserer) Unterschied ist das Fehlen des tropfenfoermigen Sensorik-Behaelters auf dem
Leitwerk der ATLANTIQUE II. Ganze 28 Maschinen der II. Generation loesten Ende der 80er Jahre die ATLANTIC I innerhalb der AERONAVALE ab. Eine Weiterentwicklung, die ATLANTIQUE 3, kam infolge
mangelnder Auftraege nicht ueber das Protoypenstadium hinaus.
Die Breguet (SECBAT) Br 1150 ATLANTIC geht auf eine NATO-Spezifikation
aus dem Jahre 1956 zurueck. Zu diesem Zeitpunkt suchte man einen Ersatz fuer die in die Jahre gekommene Lockheed P-2V NEPTUNE. Von Anfang an
war geplant, einer multi-nationalen Loesung den Vorzug zu geben, welche die Marinestreitkraefte des Buendnisses mit einem einheitlichen Waffensystem ausstatten sollte. Allerdings gingen die USA sowie
Grossbritannien bereits vor Beginn der Entwicklungsarbeit eigene Wege, sodass letztendlich die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Belgien an dem Konzept festhielten und 1959 ein
Konsortium mit dem Namen SECBAT gruendeten (in erster Linie ein Zusammenschluss der Firmen Sud Aviation und Aviation Louis Breguet). Auf
Deutscher Seite wurde die erfahrene Firma Dornier auserkoren, in den Niederlanden war die Fa. Fokker als Vertragspartner beteiligt. Bereits am 21. Oktober 1961 hob die erste Maschine des zweimotorigen
Seefernaufklaerers Br 1150 ATLANTIC zu ihrem Jungfernflug ab. Die Deutsche Marine uebernahm bereits
Anfang 1966 ihre erste von insgesamt 20 Maschinen, welche zum damaligen Zeitpunkt ausschliesslich in der
U-Jagdrolle eingesetzt wurde. Bis zum heutigen Tag wurden mit der Br 1150 ueber 200.000 Flugstunden erflogen und dies bei nur einem Totalverlust (1978; Bruchlandung, Besatzung leicht verletzt ).
Angetrieben wird die Br 1150 von zwei Rolls-Royce RTY.20 Tyne-Mk-21
Propellerturbinen, welche jeweils eine Leistung von 4500 kW entwickeln. Diese verleihen ihr eine max. Geschwindigkeit von knapp ueber 650 km/h.
Im Einsatz wurde allerdings wirtschaftlichere Geschwindigkeiten zwischen 450 und 550 km/h geflogen. Mit einer Reichweite von ca. 4300 Nautische
Meilen (entspricht knapp 8000 km) ohne Luftbetankung konnte die ATLANTIC somit (je nach Einsatzprofil, Geschwindigkeit, Wetter, etc.) bis zu
20 Stunden in der Luft bleiben. Neben der U-Jagd Rolle (MPA) operierte die Br 1150 auch in einer SIGINT Version (SIGINT = SIGnal INTelligence =
Funkaufklaerung). Zu diesem Zweck wurden 5 MPA Maschinen umgeruestet. Neben der Bundesmarine sowie der Franzoesischen AERONAVALE
beschaffte auch die Niederlande sowie Italien die ATLANTIC. Die Hollaender kauften neun Maschinen, welche
allesamt auf der Marinebasis Valkenburg stationiert waren. Nach drei ungeklaerten Totalverlusten ueber der Nordsee wurde die komplette Flotte gegrounded und durch Lockheed P-3C ORION abgeloest. Exakt die
selben P-3C ORION wiederum loesten die Bundesdeutschen Br 1150 ab 2006 in der MPA-Rolle (MPA = Marine Patrol Aircraft) ab. Lediglich die SIGINT-Versionen blieben weiter im Einsatz.
Mit Beginn der 90er Jahre suchte man bereits Ersatz fuer die in die Jahre
gekommene ATLANTIC. Durch den Fall der Berliner Mauer und der allgemeinen Abruestungseuphorie war aber fuer die Neubeschaffung eines Marineaufklaerers weder das Geld noch der Wille zur Beschaffung da. Es
gab sogar Ueberlegungen, die komplette Seeraumueberwachung vom NATO-Buendnispartner Niederlande durchfuehren zu lassen. Aus diesem Grund wurde die Beschaffung des designierten Nachfolgemodels, der
ATLANTIQUE 3 nicht forciert. Ein weiterer Kandidat fuer die Nachfolge der Br 1150, die Lockheed P-7 (basierte auf der P-3) wurde aufgrund der enormen
Entwicklungskosten wieder storniert. Als sich mit dem Beginn des neuen Jahrtausends immer mehr herauskristallisierte, dass die Bundesrepublik
Deutschland mehr Verantwortung auch auf Internationaler Ebene uebernehmen wird., war man gezwungen, die in die Jahre gekommene ATLANTIC Flotte zu ersetzen. Die Frage war lediglich womit? Zum gegebenen
Zeitpunkt stand kein wirklich modernes westliches Muster in der Entwicklung. Bis zur Einfuehrung von Boden
-gelenkten Drohnen(UAV’s) musste man als Zwischenloesung acht gebrauchte Lockheed P-3C ORION von der
Niederlaendischen Marine kaufen. Diese wurden grundueberholt und kampfwert gesteigert ab Januar 2006
der Deutschen Marine zugefuehrt. Allerdings ersetzten diese nur die MPA-Version der ATLANTIC – die SIGINT-Variante war noch bis vor kurzem im Einsatz.
Die letzte, einsatzfaehige Maschine, mit der Kennung: 61 + 03, wurde am 20. Juni 2010 durch den
Kommodore des MFG 3 „Graf Zeppelin“, Fregattenkapitaen Beer feierlich ausser Dienst gestellt. Damit endete nach fast 45 Jahren ein weiteres Kapitel der Marinefliegerei in Deutschland.
Robert Kysela / CHK 6
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