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Vor ueber 100 Jahren fand in Frankfurt am Main die erste Internationale Luftschifffahrt Ausstellung (ILA) statt. Mit Luftschifffahrt hat die ILA 2010
zwar nichts mehr zu tun, trotzdem geht ihre Geschichte auf dieses epochale Event zurueck. Die ausgestellten Fluggeraete sowie der Name moegen sich
geaendert haben, das Grundkonzept ist aber immer noch dasselbe: dem Fachpublikum aber auch dem normalen Zuschauer die neuesten Errungenschaften der (Flug-)Technik darzubieten und den teilnehmenden
Unternehmen die Moeglichkeit zu bieten, ihre Produkte an den Mann zu bringen. Die ILA findet in der jetzigen Form alle zwei Jahre statt und wird
seit 1994 auf dem Flughafen Berlin-Schoenefeld, im Sueden der Bundeshauptstadt veranstaltet. Der enorme Aufschwung des Standortes
Deutschland als Dreh- und Angelpunkt der Europaeischen Luft- und Raumfahrt nach der Wiedervereinigung
machte auch die ILA zu einer der groessten und wichtigsten Internationalen Luftfahrtmessen. Dies zeigt sich
immer mehr in der staendig wachsenden Zahl der Aussteller (1.153 Firmen aus 47 Laendern - im Vergleich 2008: 1.127Aussteller aus 37 Laendern) sowie in der Gesamtsumme der auf der ILA getaetigten
Geschaeftsabschluesse (14 Mrd. Euro). Damit bewegt sich die ILA in der Liga der ganz grossen Luftfahrtmessen, wie etwa Le Bourget oder auch Farnborough.
Auf einer Luftfahrtmesse werden stets die neuesten Modelle der Industrie
der Oeffentlichkeit vorgefuehrt. Der STAR am Himmel ueber Berlin war diesmal ohne Zweifel der Prototyp des Transportflugzeuges AIRBUS A400M.
Die beiden zur Zeit vorhanden Maschinen haben zusammen gerade mal etwas ueber 250 Flugstunden ihrer Erprobungsphase hinter sich, deshalb
war es schon ungewoehnlich, dass dieses Muster bereits auf der ILA 2010 praesentiert wurde. Dies hat aber vor allem politische Hintergruende. Der
MilitAIRBUS, wie er auch scherzhaft genannt wird, hinkt seinem Zeitplan erheblich hinterher. Enorme technische Probleme liessen nicht nur die
Kosten explodieren, sondern sorgten auch fuer eine (mindestens) dreijaehrige Verspaetung bis zur Auslieferung der ersten Serienmaschine
(aktueller Stand). Insgesamt liegen 180 Bestellungen fuer den Grossraumtransporter vor (allein die Deutsche
Bundeswehr hat 60 Maschinen geordert, welche die voellig veralteten und fuer den globalen Einsatz unzureichenden C-160 Transall abloesen sollen). Ob nach dem neuesten Sparpaket der Bundesregierung
(betrifft in grossem Umfang neben den sozial Unterprivilegierten auch wieder einmal die Streitkraefte) diese Order aufrechterhalten werden kann, ist im Moment allerdings recht unwahrscheinlich.
Der knapp 4 Stunden dauernde Erstflug des A400M fand am 11. Dezember
im Spanischen Sevilla statt. Zu den Erstkunden zaehlen neben Deutschland auch noch, Spanien, Frankreich, Belgien, die Tuerkei sowie Grossbritannien.
Auftrage aus Suedafrika sowie aus Malaysia wurden in der Zwischenzeit wieder storniert, bzw. erst gar nicht unterzeichnet. Die Leistungsfaehigkeit
des A400M ist (zumindest auf dem Papier) enorm. Die maximale Nutzlast soll bei 37 t liegen (zum Vergleich: Boeing C-17 Globemaster III: 77 t;
Lockheed C-130J Hercules: 21,6 t). Mit voller Beladung soll der A400M immer noch 3.300 km weit fliegen koennen, dies ist im Vergleich zu einer An
-124 oder auch zur C-17 nicht wirklich ueberragend, aber im Gegensatz zu den genannten Strategischen Grossraumtransportern verbindet der A400M
das strategische Konzept mit der taktischen Komponente und zielt damit vielmehr auf die Klasse der C-130
Hercules. Ausgestattet mit 4 x Europrop International (EPI) TP400-D6 Propellerturbinen (Europrop ist ein
Konsortium bestehend aus den Firmen Rolls Royce, MTU, Snecma Moteurs sowie ITP) mit der enormen Leistung von jeweils 11.000 WPS erreicht der A400M eine Maximalgeschwindigkeit von 750 km/h.
Das gesamte Projekt stand sehr lange wegen der oben genannten
Probleme und der enorm gestiegenen Kosten auf der Kippe. Gerade deshalb war eine erfolgreiche Vorfuehrung des A400M auf der ILA eine deutlicher Wink der Industrie, im Speziellen von EADS, um der
Oeffentlichkeit wie auch der Politik zu zeigen, dass das Europaeische Transportflugzeug der Zukunft existiert und konkrete Formen annimmt. Bei
der Flugvorfuehrung wurden Fluglagen von bis zu 120° gezeigt, das Ganze mit 22 t an Sensorik und Testinstrumenten an Bord. Leider blieb der A400M
nur bis zum Mittwoch, sodass ihn nur Fachbesucher an den ersten beiden Tagen zu Gesicht bekamen. Viele Besucher äusserten an den Publikumstagen ihren Unmut, dass mit dem A400M geworben wurde und
dieser dann doch nicht vor Ort war. Besonders veraergert war man ueber sogenannte Live-Stream Berichte
eines bekannten Nachrichtensender vom Freitag, in dem immer wieder die Vorfuehrung des A400M zu sehen
war, obwohl dieser zu dem Zeitpunkt Berlin schon lange verlassen hatte. Diese Form von (irrefuehrender) Werbung kann nicht im Sinne der Organisatoren der ILA sein.
Bei den Zivilflugzeugen dominierte natuerlich das groesste
Verkehrsflugzeug aller Zeiten, der Airbus A380-800. Waren an den ersten beiden Tagen (Dienstag und Mittwoch) ein A380 der Fluglinie EMIRATES zu
Gast, so konnte man ab Donnerstag Abend den Prototypen des A380 auch im Flugprogramm bewundern. Dabei wurde auch zugleich ein riesiger Auftrag ueber 32 Maschinen dieses Typs durch den Kunden EMIRATES
abgeschlossen. Diese Airline verfuegt bereits ueber eine geplante Flotte von 58 Maschinen (bis dato wurden gerade mal 10 Maschines dieses Typs
an EMIRATES ausgeliefert). Somit ist die EMIRATES, mit ihrem Hauptsitz in Dubai, der groesste Kunde dieses Riesenvogels. Auch die Deutsche
Lufthansa hat ihre ersten von insgesamt 15 bestellten A380 mittlerweile in den Dienst gestellt. Der Premierenflug der DHL A380 ging am 4. Juni 2010 nach Suedafrika – so stilvoll
brachte man die Deutsche Fussballnationalmannschaft nach Johannesburg. Neben dem Riesenauftrag von EMIRATES gingen ein paar nicht weniger wichtige Auftraege fast unter. Die
Fluglinie GERMANIA unterzeichnete ein Memorandum of Understanding ueber 5 AIRBUS A319 und leitete damit einen Typenwechsel von ihrer bisherigen Boeing 737 Flotte auf den Mitbewerber AIRBUS ein. Auch
FINNAIR unterzeichnete eine Vorvertrag ueber die Beschaffung von fuenf Maschinen des Typs A321.
Grosse Vertraege wurden bei den Militaermaschinen diesmal nicht geschlossen. Die Vorfuehrung der Bundeswehr beinhaltete die
obligatorische Evakuierungsuebung. Leider musste die Zuschauer aus Platzgruenden wieder einmal auf den Start und die Landung der Luftwaffenmaschinen in Berlin-Schoenefeld verzichten. Auch das Solodisplay
des Eurofighter EF-2000 wurde wie gehabt von Laage aus geflogen. Dafuer war die Bodenausstellung der Bundeswehr umso umfangreicher und wurde
vom Publikum mit grosser Begeisterung wahrgenommen. Ein Novum ging leider ein wenig unter, oder wurde fuer unseren Geschmack etwas unterrepraesentiert. Gemeint ist die Vorfuehrung des Airbus A310 MRTT.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesluftwaffe verfuegt diese mit dem 310er ueber ein eigenes Tankflugzeug. Vier Maschinen sind geordert und verleihen der Luftwaffe damit
nicht nur eine (fast unbegrenzte ) Reichweite sondern vor allem auch eine Unabhaengigkeit von ihren Buendnispartnern. Bei den A310-MRTT handelt es sich um umgebaute ex-Lufthansa Maschinen, welche auch
vertraglich von der Lufthansa Technik AG gewartet und betreut werden. Die Kanadische Luftwaffe hat ebenfalls 2 Maschinen dieses Typs bestellt, welche unter der Bezeichnung CC-150T POLARIS bei den
Canadian Forces im Einsatz sind.
Auf der ILA ist der Anteil der Traditionsflugzeuge (politisch korrekter
Sammelbegriff fuer Oldtimer und Warbirds) stets sehr hoch gewesen. Zum 100-jaehrigen Bestehen der aeltesten Luftfahrtmesse der Welt wollte man
da natuerlich keine Ausnahme machen. Leider konnte man aber diesmal das gesteckte Ziel nur bedingt erreichen. Natuerlich war die Messerschmitt
Stiftung wieder mit einer ihrer Me-109G praesent, auch flog der Nachbau der Me-262. Nur war deren Flugvorfuehrung einfach nur langweilig (einmal
natuerlich aufgrund der Tatsache, dass man mit diesen wertvollen Maschinen besonders sorgsam umgeht, aber zum anderen auch wegen der
mittlerweile voellig ueberzogenen Sicherheitsbestimmung fuer Flugtage in Deutschland). In jedem Jahr wird die Mindestflughoehe heraufgesetzt, der
Abstand zu den Zuschauern noch mehr vergroessert. Zusaetzlich laesst man diese Maschinen auch noch in
der Mitte der Startbahn zum Take-off anrollen, sodass die Maschinen erst ausser Sichtweite des Zuschauers
in der Luft sind. Liebe Organisatoren, liebe Messerschmitt Stiftung: den Sprit fuer so ein Flugprogramm
koennt ihr euch wirklich sparen! So schoen es ist, einen 12 Zylinder DB 605 mit 1475 PS zu hoeren, so deprimierend ist es auch, diese grandiosen Maschinen mit einer Lupe am Himmel suchen zu muessen. Das
Gleiche gilt auch fuer eine an und fuer sich wunderschoen restaurierte Sea Fury, oder die Lockheed P-38
Lightning der Flying Bulls, um nur einige zu nennen. Lediglich die grossen Maschinen der Flying Bulls, die Douglas DC-6 oder die North American B-25J Mitchell konnte man einigermassen schoen sehen, bzw.
fotografieren. Jetzt werden natuerlich gleich wieder alle Bedenkentraeger und Sicherheitsfanatiker auf den Plan gerufen.
Ich moechte aber zu bedenken geben, dass es anscheinend sicherheitstechnisch absolut bedenkenlos ist,
mit einem Transportflugzeug Rollen und Loopings zu fliegen (Italienische Alenia C-27J SPARTAN), oder ein
riesiges Verkehrsflugzeug eine extrem enge und langsam geflogene Kurve direkt ueber den Terminals der
Abflughalle von Berlin-Schoenefeld fliegen zu lassen. Unfaelle zu verhindern ist das oberste Gebot auf
Airshows – keine Frage. Wenn man die Flugzeuge aber nur mehr in grosser Entfernung zu sehen bekommt, kann man sich den Besuch einer solchen Veranstaltung in Zukunft auch sparen!
Die ILA sucht sich fuer jede Messe ein anderes Partnerland. War es beim letzten Mal (2008) Indien und davor (2006) Russland so ist es 2010 die
Schweiz. Die kleine Alpenrepublik hat schon seit langem eine leistungsfaehige, eigenstaendige Flugzeugindustrie. Neben so bekannten
Unternehmen, wie etwa die Firma PILATUS, ist in der letzten Zeit auch das erst 1999 gegruendete Staatsunternehmen RUAG Holding AG in Berlin
vertreten. Diese Firma arbeitet heute sehr eng mit der EADS Gruppe zusammen. Ein weitreichender Vertrag ueber eine enge Zusammenarbeit auf dem Ruestungssektor und der damit verbundenen Hochtechnologie
wurde auf der ILA 2010 unterzeichnet. Damit hat sich EADS einen wichtigen Verbuendeten mit ins Boot geholt. Die Schweiz sucht zur Zeit einen Ersatz
fuer ihre Northrop F-5E TIGER II Kampfflugzeuge. EADS sowie ihr neuer Partner RUAG haben durch dieses
Abkommen den Eurofighter EF 2000 fuer die Schweizer Luftwaffe lukrativ gemacht. Mit einer Premiere hatte
die Firma RUAG auf der ILA 2010 auch aufzuwarten – auch wenn das viele Zuschauer nur am Rande mitbekamen. Die Rede ist von der Neuauflage der Dornier Do-228. Modernisiert und mit einem Digitalen
Glasscockpit sowie leistungsfaehigen 5-Blatt Propellern aus Verbundwerkstoffen ausgestattet, wird die als Do-228NG (New Generation) genannte Variante ihren Platz auf dem Weltmarkt behaupten koennen. Die
Nachfrage fuer Flugzeuge in ihrer Kategorie ist gross – die Konkurrenz so gut wie nicht vorhanden. Als einer
der Hoehepunkte der Schweizer Praesenz auf der ILA waren die Vorfuehrungen der PATROUILLE SUISSE sowie das Solodisplay einer Boeing F/A-18 C HORNET der Fliegerstaffel 11.
FAZIT: Die ILA ist 100 Jahre alt! Mit fast 300 Fluggeraeten feierte man dieses Jubilaeum gebuehrend. Auch
wenn das Wetter wieder einmal nur an den Fachbesuchertagen einigermassen zum Feiern einlud und die Qualitaet des Flugprogramms nicht das Niveau vergangener Veranstaltungen erreichte, so war es doch DAS
Grossereignis in Deutschland - aus luftfahrttechnischer Sicht. Die naechste ILA ist auch schon geplant – am
12 – 17. Juni 2012 findet das Event wieder auf dem Gelaende des in der Zwischenzeit (hoffentlich) fertigen
Grossflughafen Berlin-Brandenburg–International statt. Dann gehoeren ,zumindest laut Aussage der
Verantwortlichen, die staendigen Unterbrechungen durch den regulaeren Flugverkehr der Vergangenheit an
? Damit ist die Standortfrage ueber die zukuenftigen Luftfahrtmessen in Deutschland erst einmal vom Tisch. Freuen wir uns also auf die naechsten 100 Jahre!
Robert Kysela / CHK 6
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