|
Suedlich der Millionenmetropole Melbourne liegt das bedeutendste Australische Luftfahrtmuseum, das RAAF Museum in Point Cook. Dieser
kleine Ort ist die Geburtsstaette der militaerischen Fliegerei auf dem 5. Kontinent und ist allein schon dadurch praedestiniert, die Geschichte der
Flugzeugentwicklung zu dokumentieren. Kurz vor dem 1. Weltkrieg etablierte sich auf dem Areal des heutigen Museums das Australian Flying
Corps der Australischen Armee mit gerade mal 5 Maschinen ( 2 x B.E., 2x Derperdussin, sowie einer Bristol Boxkite). Durch den Ausbruch des 1.
Weltkrieges und den dadurch bedingten enormen Bedarf an Piloten nahmen die Taetigkeiten auf dem knapp 310 Hektar grossen Gelaende drastisch zu. Saemtliche in Australien ausgebildete Piloten dieser Zeit
durchliefen ihre fliegerische Grundausbildung in Point Cook. Nach der Gruendung der RAAF (Royal Australian
Air Force, Anm.d.Red.) im Jahre 1923 war Point Cook der erste offizielle Stuetzpunkt dieser jungen Luftwaffe
und diente weiterhin der Fliegerischen Ausbildung. Im II. Weltkrieg absolvierten an die 2700 Fluganwaerter
die Trainingskurse und im Jahre 1947 wurde auf Point Cook das RAAF College gegruendet, welches ab 1. Januar 1961 in RAAF Academy umbenannt wurde. Obwohl die RAAF die No.1 Flying Training School auf der
RAAF Base Williams, Point Cook im Jahre 1992 schloss und die Flugausbildung nach Tamworth bzw. nach Pearce verlegte, verblieb das von Air Marshall Sir George Jones 1952 gegruendete Museum auf dem
Gelaende und konnte sogar die frei gewordenen Hangars der No.1 FTS benutzen. Insgesamt verfuegt das Museum ueber 3 Flugzeughallen in denen knapp 60 Maschinen aus allen Epochen der Luftfahrt zu sehen sind
Point Cook ist ein lebendiges Museum - d.h. es beherbergt nicht nur
statische Modelle sondern einige der Exemplare sind auch flugfaehig, bzw. werden auch auf Flugveranstaltungen vorgefuehrt. Im ersten Hangar des
Museums werden die flugfaehigen Exponate gewartet, dort finden aber auch die Restaurierungsarbeiten statt. Zwischen den einzelnen Hallen
befindet sich nicht nur das Vorfeld des nach wie vor aktiven Flugplatzes, sondern dort findet man auch ein paar Maschinen, die wegen ihre Groesse
nicht ganz in den Hangars Platz haben, darunter auch ein Bristol Freighter Mk.21E. Diese geraeumige Frachtmaschine wurde 1949 an die RAAF
geliefert und tat dort bis 1967 Dienst. Wie robust diese Maschine gebaut ist, kann man vielleicht daran erkennen, dass sie nicht weniger als 5!
Notlandungen in ihrer Laufbahn verzeichnen konnte, ohne ernsthaft Schaeden davonzutragen. Der Prototyp des Freighters flog am 2. Dezember 1945.
Ein weiterer “grosser Brocken” ist die Lockheed C-130A Hercules. Wie die
Extension “A” verraet, handelt es sich dabei um die erste Serienversion dieser legendaeren Transportmaschine. Insgesamt erhielt die RAAF 12 C
-130A in den Jahre 1958 bis 1959. Der markanteste Unterschied zu den spaeteren Varianten ist die Verwendung von Dreiblatt-Propellern an den
vier Allison T56-A-11 Turboproptriebwerken. Im wahrsten Sinne des Wortes zu Hause sind die beiden CT-4A Airtrainer. Beide Maschinen flogen in Point
Cook bis Ende 1992 bei der 1st. FTS und wurden als Anfaengertrainer verwendet. Von den insgesamt 96 gebauten Maschinen erhielt die RAAF 51
Airtrainer, den Rest teilten sich die Luftwaffen von Thailand und New Zealand.
Obwohl die North American AT-6C Harvard IIA in den Farben der RAAF
lackiert ist, flog diese Maschine waehrend ihrer aktiven Dienstzeit von 1943 bis 1962 fuer die Neuseelaendische Luftwaffe. Anlaesslich der
Zweihundertjahrfeier der Entdeckung Australiens (1988) wurde diese Maschine der RAAF als Geschenk vermacht. Die AT-6 ist in einem hervorragendem Zustand und voll flugfaehig. Von dieser legendaeren
Maschine wurden ueber 20.000 Stueck gebaut. Als letzte Luftwaffe stellte die SAAF (South African Air Force, Anm.d.Red.) ihre AT-6 ausser Dienst -
genau 60 Jahre nach ihrem Erstflug am 1.April 1935! Harvard ist die englisch/kanadische Bezeichnung fuer die AT-6. In der USAAF hiess sie
Texan, in der US Navy einfach SNJ. Gerade rechtzeitig zur Avalon Airshow 2003 fertig wurde die Restaurierung der Replika einer Sopwith Pup. Dieser kleine Jaeger aus dem ersten
Weltkrieg war wegen seines gutmuetigen Handlings und der ausgezeichneten Manoevriereigenschaften sehr
beliebt, obwohl er mit seinem 80PS Le Rhone 9C Motor bereits ab Mitte 1917 hoffnungslos untermotorisiert
war. Von 1921 bis 1925 wurden 11 dieser Maschinen zur Jagdfliegerausbildung beim No. 1 FTS in Point Cook verwendet.
Basierend auf einer Spezifikation aus dem Jahre 1948 entwickelte die australische Firma CAC einen Nachfolger fuer die De Havilland Tiger Moth
sowohl als auch fuer die Wirraways im Dienste der RAAF. Die erste Version dieses neuen Trainers bekam die Bezeichnung CA-22 und den Namen
Winjeel - was in der Sprache der australischen Aboriginis soviel wie “Junger Adler” bedeutete. Da die CA-22 eine Tendenz zum Trudeln zeigte wurde sie
modifiziert und ging als CA-25 in Serie. Diese CA-25 zeichnete sich neben ihren guten Flugeigenschaften vor allem durch ihre Wartungsfreundlichkeit
aus, wie der obige Blick auf ihren 450 PS starken Pratt & Whitney Wasp Junior zeigt. In Point Cook befinden sich insgesamt 3 Winjeels, darunter auch der erste Prototyp, die CA-22.
Das zur Zeit ehrgeizigste Projekt im RAAF Museum ist die Restaurierung einer De Havilland DH.98 Mosquito PR Mk.XVI. Dabei handelt es sich um die
einzig ueberlebende Mk.XVI sowie die einzige australische Mosquito, welche sich nachweislich im Kampfeinsatz befunden hat. Gebaut wurde die
Maschine zwischen 1943 und 1944 in Grossbritannien und kam Ende 1944 nach Australien und wurde dort von der No. 87(R) Sqn eingesetzt. Ueber 20
Einsaetze wurden mit ihr ueber japanisch besetzten Territorium geflogen. Nach dem Krieg verblieb die Mossie noch bis 1947 im operativen Einsatz,
bevor sie dann zur Ausbildung des Bodenpersonals verwendet wurde. Im Jahre 1954 wurde sie zum Schrottpreis verkauft, wobei sie letztendlich auf
einer Farm als Kinderspielstaette ihr Dasein fristete. Befreit aus dieser misslichen Lage wurde sie 1966 von dem Warbirds Aviation Museum in Mildura. Allerdings gestaltete sich die
Restaurierung der stark in Mitleidenschaft gezogenen Maschine als zu teuer fuer das Museum, sodass die Mosquito 1983 an privater Hand verkauft wurde. Auch da schien man sich etwas uebernommen zu haben,
der Plan das Hoelzerne Wunder, wie die Mosquito auch genannt wurde, wieder flugfaehig zu machen scheiterte am dafuer notwendigen Geld. Nach der Uebernahme durch die RAAF im Jahre 1987 und
zeitweiliger Lagerung wird die Mosquito einer kompletten Restauration unterzogen - ein schwieriges
Unterfangen, welches voraussichtlich mindestens 10 Jahre beanspruchen wird. Die PR Mk.XVI ist eine von
lediglich zwei ueberlebenden Mosquitos der RAAF, welche insgesamt 285 Flugzeuge dieses Typs besass. Davon wurden 209 Maschinen in Australien in Lizenz gefertigt.
Die zweite Halle ist unterteilt in zwei separate Bereiche, dem Training Hangar sowie dem Tech Hangar. Im ersteren werden einige der Flugzeuge
praesentiert, die bei der RAAF in der Trainingsrolle geflogen sind - von der Avro 504K ueber die legendaere De Havilland Tiger Moth bis hin zum
Vampire T.Mk.35 Jettrainer aus dem selben Hause, sowie der Aermacchi MB 326H, welche noch bis zu ihrer Abloesung durch die moderne BAe Hawk Mk
.100 im Jahre 2003 im Einsatz war. Die ausgestellte Vampire ist in den Farben der “TELSTARS” lackiert, einem Vorlaeufer der grandiosen
ROULETTES der RAAF. Dieses Team wurde zu allererst von Fluglehrern der Central Flying School im Jahre 1963 formiert - allerdings lediglich fuer eine
Saison. Im Jahre 1966 wurde das Team neu zusammengestellt und flog auf einigen Veranstaltungen mit jeweils vier Maschinen bevor man 1968 auf die modernere MB 326H umstieg. Im
gleichen Jahr wurde diese Formation wegen Einsparungsmassnahmen erstmal gegrounded. Zwei Jahre spaeter bekam Australien wieder eine Kunstflugformation, diesmal mit fuenf Maschinen des Typs Aermacchi
MB 326H, allerdings mit neuem Namen: the ROULETTES. Die Aermacchi wurde von den ROULETTES bis 1989 geflogen, dann stieg man auf die neuen Pilatus PC 9A um, welche nicht nur moderner, sondern auch
kostenguenstiger sind.
Im sogenannten Tech Hangar kann der Besucher einige richtige Exoten bewundern - neben einer tadellos restaurierten Douglas A-20 Boston steht
dort eine brandneu und wunderschoen restaurierte Supermarine Walrus - ein interessantes Doppeldecker-Flugboot, entworfen in den Dreissiger
Jahren, aber teilweise bis nach Ende des II. Weltkrieges im Einsatz. Die gezeigte Maschine wurde bei einer Antarktisexpedition auf Heard Island im
Jahre 1947, genau drei Tage vor Weihnachten, durch einen Sturm zerstoert. Wiederentdeckt und geborgen im Jahre 1980 wurde die Restaurierung der
Maschine erst 11 Jahre spaeter in Angriff genommen. Besonders erwaehnenswert ist, dass die Restaurateure die Maschine teilweise mit Plexiglas beplankt haben, sodass man einen herrlichen Einblick in die
Struktur dieser Maschine bekommt. Ein richtiges HIGHLIGHT ist die CAC CA-12 Boomerang. Dabei handelt es sich um den ersten in Australien entwickelten und gebauten Abfangjaeger. Diese Maschine war als
Interimsloesung gedacht und wurde in einer Stueckzahl von nur 250 Flugzeugen gebaut. Angetrieben von einem 1200 PS Pratt & Whitney Twin Wasp und erreichte damit knapp unter 500 km/h. Beliebt war die
Boomerang speziell wegen ihre guten Wendigkeit und auch wenn sie als Jagdflugzeug bereits zum Zeitpunkt ihres Erstfluges ( 29.Mai 1942, anm.d.Red.) veraltet war, wurde sie doch mit einigem Erfolg in der
Erdkampfrolle eingesetzt.
In der letzten Halle, dem sogenannten Hangar 180, steht ein wunderschoen restauriertes Exemplar einer Hawker Demon aus den 30er
Jahren. Diese Typ war das letzte Doppeldecker Kampfflugzeug der RAAF und wurde aus dem Hawker Hart Tagbomber entwickelt. Ganze 64 Maschinen wurden nach Australien verkauft und ab 1935 als
Mehrzweckkampflugzeug eingesetzt. Die oben gezeigte Maschine verunfallte am 3. Februar 1937 und wurde auf den Tag genau 50 Jahre spaeter im restaurierten Zustand formal dem RAAF Museum uebergeben.
Eines der legendaersten Australischen Flugzeuge ist die CAC Wirraway, eine modifizierte Lizenzversion der North American NA-16. eigentlich als Fortgeschrittenentrainer konzipiert, wurde die Wirraway (
“Herausforderung” , in der Sprache der Ureinwohner, Anm.d.Red.) aus Mangel an geeigneten Jagdmaschinen
sogar als “Hilfsjaeger” eingesetzt. Auch wenn man es kaum glauben mag, sogar mit (teilweisem) Erfolg. Am
26. Dezember 1942 schoss eine Wirraway im Luftkampf einen japanischen Zero-Jaeger ab, als Auszeichnung
fuer diese Meisterleistung erhielt der Pilot, Flying Officer J.S. Archer, sechs Flaschen Bier, was in diesen Tagen wahrscheinlich fuer viele Piloten wertvoller war als ein Orden.
Lediglich zwei Maschinen wurden von der Government Aircraft Factory GAF Pika gebaut - einer bemannten
Version der GAF Jindivik Zieldarstellungsdrone. Aehnlich wie die bemannte Version der Fi-103 Reichenberg (besser bekannt als V1, Anm.d.Red.) dienten diese Maschinen der Erforschung bzw. Erprobung der
Flugeigenschaften und des Kontrollsystems. Zugleich war die Pika auch das erste in Australien entworfene
und gebaute Strahlflugzeug. Ihr Erstflug fand am 31. Oktober 1951 statt. Angetrieben wurde die Pika von einer Armstrong Siddeley Adder Turbine.
Als Ersatz fuer die betagten CAC Mustangs und De Havilland Vampires
wurde auf der Basis der North American F-86F Sabre die CAC CA-27 Sabre entwickelt. Anstelle der General Electric J-47 Triebwerke entschieden sich
die Australier das erheblich staerkere RR Avon zu verwenden. Damit schuf CAC die leistungsfaehigste Variante dieses beruehmten Jets. Die
Modifikationen, welche der Einbau der Avon Turbinen mit sich brachten, waren so umfangreich, dass de facto gut 60 Prozent der Maschine neu konstruiert werden musste. Ausserdem wurden die sechs 12,7mm
Browning MG`s durch zwei 30mm Aden Kanonen ersetzt. Den gleichen Triebwerkstyp wie die Sabre besass auch die GAF Canberra Mk.20. Auch sie
wurde in Australien in Lizenz hergestellt und basiert auf der English Electric Canberra B.2 - der Hauptunterschied bestand darin, dass die australische Canberra mit einer zweikoepfigen
Besatzung geflogen wurde, anstelle von drei Mann Besatzung wie in der Original Version. Die in Point Cook gezeigte Maschine war im Vietnam Krieg bei der No.2 Sqn eingesetzt.
Als reine Versuchsmaschine zur Erprobung der aerodynamischen
Flugeigenschaften des Avro 698 Vulcan Bombers wurden fuenf Avro 707A als verkleinerte Version dieses V-Bombers gebaut. Eine Maschine wurde nach Abschluss des Testprogramms der RAAF als Forschungs- und
Testflugzeug uebergeben. Ganze sieben Jahre lang (von 1956 - 1963, Anm.d.Red.) wurde die Maschine eingehenden Tests unterzogen, bis sie dann
an einen Privatmann verkauft wurde, der dieses Stueck Luftfahrtgeschichte in seimem Garten deponierte, wo sie im Jahre 1999 vom RAAF Museum entdeckt und vor der entgueltigen Verrottung gerettet wurde.
Wir werden Sie in periodischen Abstaenden ueber das RAAF Museum in Point Cook am Laufenden halten - speziell was den Verlauf der
Restaurierungen angeht. Zwar konnten wir Ihnen nicht alle in Point Cook ausgestellten Maschinen naeher praesentieren, doch wir werden diesen Bericht in Zukunft weiter ergaenzen.
Wenn sie mehr ueber dieses aussergewoehnliche Museum erfahren wollen, besuchen Sie die offizielle Website oder noch besser - besuchen sie einfach das Museum. Immer mehr Europaer machen Urlaub in
Australien und nicht wenige davon besuchen Melbourne. Von dort ist es lediglich ein Katzensprung. Der Oeffnungszeiten finden Sie im Anhang an diesen Report.
Ihr Robert Kysela
|