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In kaum einem anderen Europaeischen Land ist das Festhalten an
Traditionen so stark im Denken und Handeln seiner Bewohner verankert wie in Grossbritannien. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Sammeln und Aufbewahren von Exponaten einen integralen Bestandteil
der Traditionspflege darstellt. Die oft verklaerte, durchwegs positive Einstellung der Briten zur Technischen Entwicklung tut dazu ein Uebriges.
Voellig vorbehaltlos und frei von jedweder Ideologie steht man auch im militaertechnischen Bereich der Sache gegenueber. Die Rolle der eigenen Luftwaffe, der Royal Air Force, im II. Weltkrieg, im Speziellen in der
Luftschlacht in England, ist stark im Britischen Denken verankert. Dies ist vielleicht eine Erklaerung dafuer, dass man auf dem Britischen Inselreich
eine Unzahl an Flugzeugmuseen verfindet, die ob ihrer Qualitaet in vielen Laendern ihresgleichen sucht. Die meisten Leser werden dabei sofort and das RAF Museum in Hendon, das Imperial War Museum in Duxford
oder etwa das Fleet Air Arm Museum auf der RNAS Yeovilton denken. Nicht ganz so bekannt, zumindest auf dem Europaeischen Festland ist eines der besten Englischen Museen, das Royal Air Force Museum Cosford,
in der kleinen Stadt Shifnal, nordoestlich der Stadt Wolverhampton /West Midlands. Vielleicht ist es die Abgelegenheit dieses Ortes, mit Sicherheit aber nicht die Qualitaet des Museums und ihrer Exponate, die den
Bekanntheitsgrad ausmachen. Dabei ist das RAF Museum Cosford gerade aus Deutscher Sicht besonders interessant. Nicht nur, dass dort die einzig vollstaendig erhaltene Messerschmitt Me 410 sowie eine Original
Messerschmitt Me 163 steht, sondern fast die gesamte (Deutsche) Entwicklungsarbeit der Raketentechnik aus der Zeit des II. Weltkrieges ist dort zu sehen. Relativ neu (Eroeffung: Februar 2007) ist die Ausstellung
ueber den Kalten Krieg, wobei man neben der obligatorischen MiG 21 (als Exponat des Warschauer Paktes) gleich alle drei V-Bomber der RAF bewundern kann (Avro Vulcan, Handley Page Victor sowie Vickers Valiant).
Insgesamt gliedert sich das Museum in folgende Bereiche:
COLD WAR TEST FLIGHT HISTORY of ROYAL AIR FORCE WARPLANES HANGAR ONE
In all den Hangars und Ausstellungshallen befinden sich seltene und
vielfach einzigartige Flugzeuge, die so in keinem anderen Museum zu finden sind. Nicht nur aus diesem Grund lohnt sich ein genauerer Blick in die einzelnen Teilbereiche. Auch die Art und Weise (vor allem die
Lichtverhaeltnisse – besonders wichtig fuer Fotografen), wie die Exponate praesentiert werden ist lobenswert. Natuerlich ist der Platz in einem Museum immer ein kritischer Punkt. Obwohl die Gesamtzahl der
ausgestellten Maschinen riesig ist (ueber 70 restaurierte Maschinen, darunter etliche Riesen, wie eine Avro Lincoln, Shorts Belfast oder die V-Bomber), hat man nirgendwo das Gefuehl, dass das Museum ueberfuellt
waere.
Nach dem Betreten der ueppigen Eingangshalle und dem Passieren einer
Lockheed NEPTUNE SP-2H der Koeniglich Niederlaendischen Marine betritt man die erste Halle, welche das Thema „TEST FLIGHT“ beheimatet. Allein
hier kommt man schon voll auf seine Rechnung. Neben der atemberaubend schnittigen BAC TSR.2 stehen hier nicht weniger als 11 Prototypen/Testflugzeuge der Britischen Luftfahrtindustrie, darunter solche
Rosinen wie die Bristol 188, Saunder Roe SR.53, Fairey FD.2 oder Short SB.5, um nur einige zu nennen. Auch die Prototypen der English Electric LIGHTNING (P.1A) sowie der Gloster METEOR (F.9/40) sind in Cosford
ausgestellt. Das Highlight ist aber, wie schon erwaehnt, die BAC TSR.2. Diese Glanzleistung des British Engineering wurde im April 1965 von der
damaligen Labour Regierung ersatzlos gestrichen. Diese dumme und kurzsichtige Entscheidung hat die Britische Luftfahrtindustrie in eine schwere Krise gebracht, aus der sie sich nie mehr richtig erholen konnte.
Die TSR.2 (Tactical Strike & Reconnaisance Mach 2) war zu ihrer Zeit ein technologischer Quantensprung und
haette der Britischen Luftfahrtindustrie auf Jahre hinaus ihre fuehrende Rolle in der Flugzeugentwicklung bewahrt. Die TSR.2 waere (sofern sie jemals in Serie gegangen waere) vielleicht sogar unter dem
Balkenkreuz geflogen, zumindest gab es im Vorfeld Verhandlungen mit der Luftwaffe. Bei der in Cosford gezeigten Maschine handelt es sich um den 2. Prototypen (XR 220). Der allererste Maschine (XR 219) hatte
ihren Erstflug am 27. September 1964. Eine dritte Maschine (XR 222) steht im Imperial War Museum Duxford.
Die naechste Halle (WARBIRDS) ist mit seltenen Flugzeugen nur so gespickt.
Neben den obligatorischen Supermarine SPITFIRE (jeweils eine Mk.1a sowie eine LF.XVIe), Hawker HURRICANE Mk.IIc sowie North American P-51D MUSTANG kann man auch noch folgende Exemplare bewundern: Focke
-Achgelis FA 330A-1 BACHSTELZE, die einzige, noch existierende Mitsubishi Ki-46-III DINAH, eine Yokosuka MYX-7 OHKA 11. Aus Deutscher Sicht ist, wie
schon erwaehnt, die Messerschmit Me 410 A1/U2 besonders interessant. Diese Maschine ist nicht nur in einem relativ guten (kompletten) Zustand, sondern verfuegt sogar noch (groesstenteils) ueber den originalen
Tarnanstrich. Die HORNISSE, so der offizielle Namen der Me 410, wurde im Mai 1945 von Britischen Truppen in Vaerlose/Daenemark erbeutet und nach
dem Krieg ausgiebigen Tests unterzogen, bevor sie auf der RAF Stanmore Park eingelagert wurde. Von Britischer Seite ist vor allem der legendaere Gegenspieler der Me-410, die DeHavilland MOSQUITO TT.35
sowie eine hervorragend erhaltene Avro LINCOLN B.2 erwaehnenswert. Letztere kam als Nachfolger der Avro LANCASTER nicht mehr zum aktiven Einsatz im II. Weltkrieg, bildete aber trotzdem das Rueckgrat der
Britischen Bomberflotte bis zur Einfuehrung der V-Bomber Anfang der 50er Jahre.
Beim Betreten der naechsten Halle – COLD WAR – faellt einem sofort die
massive Praesenz der V-Bomber auf. Diese Maschinen wurden urspruenglich als Strategische Nuklearbomber eingesetzt – vergleichbar mit den US-Amerikanischen B-47 und B-52 des Strategic Air Command. Der
beruehmteste Einsatz eines V-Bombers war aber rein konventioneller Natur. Am 01. Mai 1982 flog eine einzelne Avro VULCAN B.2 von Ascencion einen
Angriff auf die Landebahn der von den Argentiniern besetzten Hauptstadt der Falkland Inseln, Port Stanley. Der angerichtete Schaden war gering,
aber der moralische Erfolg, vor allem in der Britischen Heimat, war enorm. Der letzte Vulcan Bomber wurde im Maerz 1984 ausser Dienst gestellt. Die Handley Page VICTOR dienten noch bis 1983 als Tanker. Die wenig
erfolgreiche und recht konventionell gebaute Vickers VALIANT hatte ein vergleichsweise kurze Karriere. Sie wurde bereits nach neun Dienstjahren aus dem Verkehr gezogen. Ein besonderer Anteil an diesem Teil der
Ausstellung haben die unzaehligen Raketen. Sogar eine Chinesische Silkworm Anti-Schiff-Lenkwaffe ist zu sehen, welche im Golfkrieg von Britischen Truppen erbeutet wurde.
Dem Besucher fallen hier aber nicht nur die Flugzeuge dieser Epoche auf, sondern auch viele Dinge des taeglichen Lebens aus dieser Zeit. Ein Opel Rekord der Britischen Militaermission aus Berlin ist ebenso
zugegen, wie ein Leopard I A5 Panzer der Bundeswehr und natuerlich darf der VW Kaefer des Ostens, der Trabbi auch nicht fehlen. Eine Avro YORCK und eine Douglas C-47 repraesentieren die Anfangszeit des Kalten
Krieges (Berliner Luftbruecke).
Nirgendwo sonst auf der Welt findet man eine so grosse Sammlung
ehemaliger Deutscher Raketen wie im RAF Museum Cosford. Neben den allgemein bekannten Vergeltungswaffen 1 und 2 (Fieseler Fi 103 sowie Aggregat A 4) stehen hier auch noch etliche Versuchsmodelle, die es
aufgrund der Kriegslage der damaligen Zeit nie ueber das Protoypenstadium hinaus gebracht haben. Viele der ausgestellten Raketen und Raketenversuchsmodelle sehen selbst nach heutigen Massstaeben
sehr futuristisch aus und bildeten nach dem Krieg die Basis fuer die meisten Entwicklungen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs. Eines der
vielleicht interessantesten Exponate, die FLA-Rakete „WASSERFALL“ steht leider etwas verloren und demontiert auf Paletten im TEST FLIGHT Hangar.
Dabei handelt es sich um eine der ersten Boden-Luft-Raketen, welche in der Endphase des II. Weltkrieges erprobt wurde. Waere dieses erfolgversprechende Modell ein paar Monate frueher zum Einsatz gekommen,
haette dies wahrscheinlich zu horrenden Verlusten der US-Amerikanischen und Britischen Bomberflotten gefuehrt. Das Zielsuchsystem der WASSERFALL basierte auf Annaeherungszuender (Magnetfeldaenderung)
bzw. sie konnte auch vom Boden gezuendet werden. Eine Infrarotsteuerung war ebenfalls in Planung. An die 50 Prototypen wurden gebaut und knapp 40 Flugversuche wurden durchgefuehrt, wobei ein Geschwindigkeit
von knapp ueber 2700 km/h und eine Hoehe von ca. 20km erreicht wurde. Obwohl sie optisch der V 2 (Aggregat 4) sehr aehnlich war, handelt es sich bei der EMW Wasserfall, so der vollstaendige Name, doch um
eine eigenstaendige Entwicklung und nicht, wie oft behauptet, um eine verkleinerte Variante der V 2.
Wenn man heute ueber sogenannte Praezisionswaffen spricht, wird
haeufig vergessen, dass die ersten Waffen dieser Art bereits vor 1945 entwickelt und sogar eingesetzt wurden. Hervorzuheben waeren hier besonders die Ruhrstahl FRITZ X, mit der unter anderem das Italienische
Schlachtschiff ROMA versenkt sowie ihr Schwesterschiff, die ITALIA, schwer beschaedigt wurde. Knapp 1.400 dieser bahnbrechenden Waffe wurden bis Dezember 1944 gebaut. Auch die Gleitbombe der Firma Henschel, die HS
-293 wurde mit einigem Erfolg eingesetzt. Beide Modelle sind in Cosford zu besichtigen.
Ausserdem findet man hier noch folgende Raketen:
Henschel HS 294 Henschel HS 298 Henschel HS 117 SCHMETTERLING Messerschmitt ENZIAN Rheinmetall Borsig RHEINTOCHTER Rheinmetall Borsig RHEINBOTE
Rheinmetall Borsig F55 FEUERLILIE Scheufeln TAIFUN Ruhrstahl Kramer X4 Blohm & Voss BV 246 HAGELKORN
Im HANGAR ONE befinden sich noch jede Menge anderer Exponate, die alle
aufzuzaehlen den Rahmen dieses Artikels definitiv sprengen wuerden. Eine grosse Anzahl an Flugmotoren und Jettriebwerken runden hier das Angebot
fuer den Luftfahrtinteressierten ab. Neben etlichen Schnittmodellen (wie zB. einem JUMO 004) findet man hier noch einige Rosinen, wie einen vollstaendig erhaltenen Daimler Benz DB 610 (dieser beruechtigte
Doppelmotor diente als Antrieb der Heinkel He 177 GREIF und war fuer seine unzureichende Kuehlung und demzufolge haeufige Motogbraende bekannt) sowie einen Nakajima SAKAE (trieb unter anderem die legendaere
Mitsubishi A6M ZERO an). Ein komplettes Walther-Triebwerk HWK 109-500, sowie eine 500kp Walther Starthilferakete ist ebenso zu sehen wie die ersten Britischen Radialtriebwerke.
Zugegeben, das RAF Museum Cosford liegt nicht ganz so guenstig wie das Schwestermuseum in Hendon, es
ist deshalb aber nicht weniger interessant. Wenn man sich im Grossraum Birmingham – Manchester aufhaelt,
sollte man sich auf jeden Fall die Zeit nehmen, dieses aussergewoehnliche Museum zu besuchen. Der Eintritt ist uebrigens frei, in einer netten Cafeteria kann man sich vor oder nach dem Museumsbesuch ergiebig
staerken und bei einem Besuch im Museums-eigenen Shop (im COLD WAR Hangar) wird man mit Sicherheit das eine oder andere Souvenir oder lang gesuchte Buch finden. Das Einzige, was man wirklich mitbringen
muss, ist ein wenig Zeit (3-4 Std. sollten es schon sein).
Robert Kysela/ CHK6
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